Hier könnt Ihr die 300 Tage Geduld Geschichte aus den Benzheimer Flosskeln nachlesen.

Von Pfingsten bis Pfingsten

Eigentlich ist es ja wie immer: Irgendwann wacht man morgens auf und weiß, dass man was vermisst. Etwas das man über Jahre gerne gefahren hat. Etwas auf dem man seine ersten Fahrübungen gemacht hat. Etwas das einen als Anfänger immer beschützt hat. Etwas das auch die merkwürdigsten Fahrmanöver immer verziehen hat. Dann fällt der Blick auch noch über das Bücherregal und bleibt an der Stelle mit den Benz-Büchern und alten AMS-Ausgaben hängen.

An dieser Stelle zu Pfingsten 2002 hätte ich einfach weiterschauen sollen. Aber was tat ich? Ich griff zu den Zeitschriften. Studierte nach Jahren wieder den 50.000 km Dauertest vom 230, las den Vergleichstest vom 230 mit seinen damaligen Klassenkameraden und auch den Vergleich 230 Automatic und 4-Gang-Schalter. Alles war mir so bekannt, hatte ich mir diese Zeitungen doch schon vor fast 15 Jahren besorgt, als ich zum ersten Mal Vaters 230 fahren durfte.

Die Erinnerung

Ich kann mich heute noch genau an 1984 erinnern, als nach 6 Jahren der Simca 1307 komplett durchgerostet war. Für kleines Geld konnten meine Eltern damals einen Ersthand 230, Baujahr 1971, knapp 80.000km, Schiebedach, 181-Hellbeige, innen Stoff cognac mit 2 Kopfstützen kaufen. Letztlich gab eine eingebaute LPG-Gasanlage den Ausschlag. Bei nur 5 km bis zur nächsten Tankstelle in den Niederlanden waren die Unterhaltskosten gering. In den folgenden Jahren fuhren wir mit ihm mehr als 200.000km. Liegengeblieben ist er nie, manchmal aber nur waidwund wieder nach Hause gekommen. Als Alltagswagen bekam er so gut wie keine Pflege. 1989 hatte ich dann meinen Führerschein und durfte ihn dann endlich auch selber fahren. Ich erinnere mich heute noch an die erste Strecke. 1998 trennten sich dann leider endgültig nach ca. 300.000 km unsere Wege. Weitere Reparaturschweißungen wären völlig unrentabel gewesen und so wurde der 230 ersetzt.

Die Suche

Nach vier Jahren kam es also wieder, das Strich- Acht- Virus. Akuter Befall. Starke Symptome. Was tun? Einfach mal im Internet schauen, was man denn da so findet. Schnell fand ich den vdh. Auf den Seiten gestöbert, Kaufberatung gefunden, schnell runtergeladen. An dem Tag habe ich diverse Megabyte auf meinen PC geladen und viele Seiten ausgedruckt.

Doch wie an ein Auto kommen? Was soll es denn überhaupt für einer sein? Wieder ein 6-Zylinder? Besser doch ein Diesel? Schiebedach? Stoff oder doch das schweißtreibende MB-tex? Fragen über Fragen. Doch wo Antworten holen? Am kommenden Wochenende bin ich dann mit meiner Freundin Sandra nach Bockhorn gefahren. Dort endlich wieder nach der langen Abstinenz Mercedesluft geschnuppert. Einige schöne Autos sehen, Preise studieren, Marktübersicht gewinnen, das hatte ich mir vorgenommen. Heute weiß ich, das gerade in Bockhorn wenig Schnäppchen gemacht werden können und die Verkäufer dort auch nicht ängstlich bei Beschreibungen und Preisen sind. Einen von außen hübschen 200/8, Serie 0.5 mit altem Hannoveraner Kennzeichen sahen wir dort. Die Lederausstattung war schön, der Verkäufer nett, aber die Karosserie passte nicht zum Angebotspreis.

Wieder im Internet. Die einschlägigen Foren durchgestöbert. Dann das Strich-Acht-Buch aus dem Schrank geholt. Auch das hatte ich mir schon vor Jahren zugelegt. Wieder mal seufzend durchgelesen. Über die Foren hatte ich erfahren, dass es wohl schwierig sei, an rostarme Strich Achter zu kommen. Das deckte sich mit meinen Erfahrungen. Woher also an ein möglichst rostfreies Exemplar kommen?

Der Italiener

Ich erfuhr, dass ein Händler in Süddeutschland alte Mercedesse aus Italien reimportiert. Der Kontakt war schnell hergestellt. Enzo hatte auch einen für mich passenden: 220D, 158 weißgrau, innen MB-tex cognac, mit Klima. Der Preis war im Rahmen. Ich weiß bis heute nicht, warum ich nicht sofort zugegriffen habe. Zum ersten Mal auf der Suche habe ich gezögert und ein anderer hat die Chance ergriffen.

Der Club

Weitersuchen war angesagt. Gleichgesinnte müssten mir doch helfen können. Siehe da, es gibt zwei Clubs, die sich mit den Strichachtern befassen. Die Auswahl des für mich passenden Clubs fiel einfach: Der Stammtisch des einen Clubs findet Montag Abend statt, da hatte ich meine Fortbildung. Also wurde ich Mitglied im vdh-www.mercedesclubs.de.

Auf unserem ersten Stammtisch lernte ich die Prominenz kennen: Horst und Bettina kamen zum Sommer-Grillen nach Hannover. Es war ein lustiger Abend und ein noch lustigerer Samstag bei Hans-Werner. Sandra und ich waren uns sicher, dass der Club der Richtige ist. Falko und Wolf boten uns an, auch mal als Sachverständige zu einer Besichtigung mitzukommen.

Der Hannoveraner

Schneller als beiden lieb war, kam ich auf das Angebot zurück: In Hannover wurde ein 220D Automatic, Serie 0.5 angeboten. Farbe, Ausstattung, alles stimmte. Sogar Schiebedach hatte er. Günstig war er auch noch. Das ist er, hab ich mir gedacht. Dennoch habe ich Falko angerufen. Wenn ich da alleine hingefahren wäre, hätte ich den auch ohne Besichtigung gekauft. Ich war völlig verblendet. Schnell noch zu Wolf gefahren um eine Taschenlampe zu holen. Es war mittlerweile Abend geworden. Ideale Vorraussetzungen für eine klassischen Blender-Kauf. Der Wagen stand in einer Sammelgarage, natürlich mit wenig Licht. Sandra ist heute noch von der Besichtigung fasziniert. Falko und Wolf nahmen sich je eine Ecke vor und gingen von hinten nach vorne. Anderthalb Minuten später dort angekommen schauten sie wieder hoch und schüttelten beide den Kopf. Dabei war er so schön: braune Instrumententafel, Schiebedach, MB-tex cognac ohne Kopfstützen. Leider hatte einer der Vorbesitzer einen 80er-Jahre Equalizer eingebaut. Aber die Schwellerköpfe waren gammelig, der Innenschwellerbereich ebenfalls und das Heckabschlussblech leider auch. Also ein klassischer Vierer. Das wollte ich nicht. Also sind wir ins Crispy’s gefahren und haben den Abend mit Weizen weggespült. Weitersuchen war angesagt.

Einige Autos habe ich mir danach noch angesehen, alles waren vielversprechende Angebote. Die meisten konnte ich schon ausschließen, nachdem ich einige Detailbilder bekommen hatte. Schon komisch, wie unterschiedlich verschiedene Menschen den Begriff rostfrei definieren. Immer mehr kristallisiere sich heraus, dass es ein möglichst originales Exemplar der Serie 0.5 sein sollte. Ein schöner 250 Automatic, 268 grün,  Baujahr 1969 konnte nicht meiner werden, da der Verkäufer wohl nicht verkaufen wollte. Anders kann ich es nicht deuten, dass wir es in mehreren Anläufen nicht bis zu einer Besichtigung geschafft haben.

Der Franzose

Im September 2002 hatte ich dann das Vergnügen die passive Sicherheit meines Alltags-Japaners zu testen. Ich hab es überstanden, der Japaner und der Corsa vom Gegner nicht. Danach hatte ich etwas Zeit im Internet wieder intensiver zu suchen. Kurze Zeit später fand ich dann bei mercedesoldtimer.de ein interessantes Angebot: 250, Bj. 03/68 außen 904 blau, innen Stoff blau, Standort Paris. Na ja – bei Mähdreschern hab ich keine Probleme mit europäischem Im- und Export – aber bei meinem zukünftigen Hobby? Ich schrieb dem Verkäufer ein eMail. Es kam ein eMail zurück. Der Wagen sei rostfrei (jaja, sind ja alle), unverbastelt (wie oft ich das schon gehört hatte) und technisch einwandfrei (....). Ich zögerte – Paris ist weit weg, Franzosen nicht immer so genau wie die Deutschen – bat den Verkäufer um Detailfotos. Ich schrieb ihm genau, welche Stellen er aufnehmen soll, und bekam ein Mail mit über 60 Bildern zurück. Ein genauer Franzose, unser Monsieur Briard. Der Wagen war auch nicht schlecht. Ich konnte nur an einer Endspitze etwas Gammel entdecken. Er rief mich Mitte Oktober auch an. Sehr gutes Deutsch. Die komplette History des Autos war bekannt und belegbar: 1968 noch vor der offiziellen Vorstellung von einem Diplomaten bestellt. Bis 2001 von diesem hauptsächlich nur von Paris bis an die Küste gefahren, als Wochenendauto. Daher die relativ geringe Laufleistung von 160.000 km. Das Beste an dem Gespräch war, dass er mir ein gutes Stück im Preis entgegen kam. Ich hatte gedanklich zugeschlagen. Den kauf ich, sagte ich mir. Am Stammtisch waren wir uns auch sicher – das kann ein gutes Auto sein. Nach ein paar Tagen wollte ich Monsieur Briard anrufen und die Verkaufsabwicklung besprechen. Aus beruflichen Gründen zögerte sich das Gespräch aber noch bis in den November heraus. So kam was kommen musste: Ich rief an – nur um zu erfahren, dass der Wagen vor kurzem nach Süddeutschland verkauft wurde. Wieder einmal hatte ich gezögert und wieder hatte ein anderer die Chance ergriffen. Ich hoffe, das der Wagen ein gutes Zuhause gefunden hat.

Dann kam der Winter. Es wurden wenig Autos und noch weniger schöne angeboten. Auf dem Stammtisch glaubte bestimmt schon keiner mehr, dass ich jemals einen passenden Strich Acht finden würde.

Der Weiße

Irgendwann saß ich abends wieder in der Schule. Rechnungswesen ist wahrlich kein spannendes Thema, aber freundlicherweise im PC-Raum. Ich surfte mal wieder im Internet und fand eine Anzeige in mobile.de. Ein 250 Automatic, Bj. 05/68, 050 weiss, MB-Tex cognac, keine 100.000km, Originalzustand. Ganz in der Nähe bei Göttingen stand er. Mittwoch Abend noch das eMail geschrieben. Donnerstag telefoniert – Termin für Freitag gemacht. Alles klang gut – History nahezu komplett vorhanden – nahezu ungeschweisst – Preis in Ordnung. Aber wie oft hatte ich das schon gehört?

Freitag Nachmittag mit Falko nach Göttingen gefahren. Es war schon dunkel, als wir endlich in einem kleinen Dorf die Garage gefunden hatten. Falko links hinten angefangen – ich rechts hinten. Als wir uns vorne trafen – nickten wir beide. Guter Zustand. Von einigen markanten Stellen habe ich noch ein paar Bilder gemacht. So viel wir auch suchten – wir fanden fast nichts. So einen 0,5er hatte ich noch nicht in Natur gesehen. Da er ursprünglich aus Frankreich kam und 24 Jahre Pariser Stadtverkehr überstand, hatte er natürlich die eine oder andere Parkrempelstelle und auch einen Kratzer an einem Seitenteil, aber alles nichts tiefgreifendes. Die Substanz war absolut in Ordnung. Die Innenausstattung war der Laufleistung angemessen in sehr gutem Zustand. Serie 0,5 ohne jede Veränderung. Selbst die Gummimatten nicht beschädigt oder abgetreten. Es gab keinen Grund den Wagen nicht zu kaufen. Wir vereinbarten, dass der Wagen für mich bis Samstag Mittag reserviert sein sollte.

Zurück auf dem Nachhauseweg riefen wir noch HaWA an. Zu einer Pizza trafen wir uns. Wir beschrieben den Wagen, ich zeigte ihm die Bilder. Er meinte auch, dass ich zuschlagen sollte.

Sandra meinte nur, wenn ich den nicht kaufen würde, dürfte ich nie wieder über verpasste Chancen jammern.

Am folgenden Morgen rief ich den Verkäufer an und sagte zu. 14 Tage später holte ich ihn ab. Es war ein super Gefühl am 27. März 2003 nach 4 ½ Jahren wieder hinter dem elfenbeinfarbenen Lenkrad zu sitzen.

Das Erlebnis

Die übliche große Inspektion brauchte der Wagen natürlich. Die letzen Jahre war er nur sporadisch bewegt worden. Nach der neuen Grundeinstellung lief er wie neu.

Es ist ein geniales Gefühl einen fast neuwertigen Strich Acht zu bewegen. Die ersten Ausfahrten gaben uns ein Gefühl, das man nicht beschreiben, sondern nur erleben kann. Natürlich kam auch der Wackeldackel auf die rutschige Hutablage. Dadurch kam der 250 zu seinem Namen: Hartmut.

Mit Hartmut fuhr ich zur Arbeit, Sandra und ich durch die Gegend. Wir halfen Falko seinen 230 wieder ans Laufen zu bringen.

Dann kam Pfingsten. Es war klar, Ornbau ist ein Pflichttermin. Durch Zufall kamen wir noch an eine Ferienwohnung. Alles eingepackt und losgefahren. Die Vorfreude war riesig. Als wir endlich angekommen waren war es einfach nur schön: Schön warm, schöne Autos, schöne Stadt, schöne Organisation, schönes Essen, schönes Bier, schöne Stimmung.

Für uns als Neulinge war es kein Problem sich hier zurecht zu finden. Wir verlebten ein tolles Wochenende. Es hat sich gelohnt darauf ein Jahr zu warten: das Auto zu finden, die Leute kennen zu lernen, Freundschaften zu entwickeln. Es war zwischendurch hart, als ich kein Auto fand, als nur Schrott angeboten wurde, als Chancen von anderen genutzt wurden.

Rückblickend muss ich aber sagen, dass ich es wohl fast genauso wieder machen würde. Das Erlebnis Hartmut und Ornbau haben alle Mühen und allen Frust mehrfach mit Zinsen wieder aufgewogen.

Also: Erst schlau machen – dann in den Club eintreten – dann Auto kaufen.

Das Fazit heute nach 5 Jahren:

Dies war mein Bericht von Ende 2003 für die Clubzeitung. Mittlerweile sind wir ein paar Jahre weiter. Ich habe den Kauf nie bereut. Das Fahren mit unserem /8 entspannt und beruhigt. Leider kann man die laufenden Kosten aber dennoch nicht über die Krankenkasse abrechnen.

2008-07-02
Frank Kellewald